Jagdzeit auf Schalenwild in Hessen ab 1. April - Wiederkäuendes Schalenwild darf nicht zum Schädling herabgewürdigt werden

April 11, 2020

Wie das Nachrichtenportal Jagderleben.de erst kürzlich berichtete, hat die hessische Landesregierung in Person der hessischen Ministerin für für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Frau Hinz, sehr kurzfristig angekündigt, dass die Jagdzeiten in Hessen auch für Schalenwild verlängert werden sollen. Sie änderte die entsprechende Jagdzeitverordnung dergestalt, dass durch sie die Jagd auf Rehböcke, Schmalrehe sowie Rot-, Dam-, Sika-, und Muffelschmalwild bereits ab dem 1. April möglich ist.

 

Dies ist für uns unverständlich und veranlasste uns, den unten beigefügten Brief an alle im hessischen Landtag vertretenen Fraktionen und den zuständigen Fachausschuss zu übersenden:

 

 

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Frau Ausschussvorsitzende Müller-Klepper, sehr geehrte Damen und Herren Mitglieder des Ausschusses für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz,

 

in dem als Anlage beigefügten Schreiben vom 3. April 2020 mit dem Geschäftszeichen VI 3-088a 10.03-1/2012 informierte die Ministerin für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Frau Hinz, verschiedene Verbände darüber, dass sie eine Verordnung zur Änderung der Jagdverordnung unterzeichnet hat.

 

Diese beinhaltet die Ausdehnung der Jagdzeiten für Schalenwild. Mit dem Beginn der Jagdzeit für Rehböcke, Schmalrehe, Rot-, Dam-, Sika- und Muffelschmalwild bereits zum 1. April will sie damit dem Beispiel anderer Bundesländer folgen. Sie ist ferner davon überzeugt, damit zu einer effektiveren Bejagung der genannten Arten beizutragen und so die Naturverjüngung auf den entstandenen Wiederbewaldungsflächen zu fördern.

 

Für uns als Vereinigung waid- und tierschutzgerechter Jäger, die dem Wild Respekt und Wertschätzung bekundet, ist diese offen zur Schau gestellte „Wald vor Wild“-Dogmatik erschütternd und aus unserer Sicht nicht hilfreich, in Hessen klimastabile, gesunde und artenreiche Mischwälder zu etablieren. Die Corona-Krise wird scheinbar dazu genutzt, Dinge anzustoßen und umzusetzen, die unter normalen Umständen nicht so einfach möglich gewesen wären. 

 

Es ist sehr betrüblich, dass das Schalenwild vor dem Hintergrund rein forstlicher und vielleicht auch vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Überlegungen in Hessen noch weiter an Existenzberechtigung verloren hat. Der Waschbär, jene invasive Art, die in Hessen massenweise vorkommt, darf nun nicht mehr so lange bejagt werden, wie unser heimisches Rehwild. Was für uns in einem klaren Widerspruch zu den einschlägigen EU-Artenschutzvorgaben und den EU-Richtlinien in Bezug auf invasive Tierarten steht. Andere einheimische Wildarten verschwinden, was das Ministerium offensichtlich nicht so sehr interessiert, wie der Wald und vor allem dessen wirtschaftliche Nutzung. Denn faktisch wachsen Bäume auch ohne das Zutun der Förster bzw. der Forstwirtschaft und auch verbissene sowie verbuschte Bäume erfüllen ihre ökologische Rolle der CO²-Bindung. Darüber hinaus können sie auch Habitat verschiedener bedrohter Tierarten sein. Nur sind sie dann eben nicht mehr von (forst)wirtschaftlichem Interesse.

 

Selbstverständlich müssen die Jäger nicht ab dem 1. April Schalenwild bejagen, doch wird damit durch das Ministerium die nicht umsonst historisch gewachsene und bewährt Grenze zu Ungunsten der Tierwelt verschoben. Dies provoziert u. E. vermehrte und unnötige Störungen und Stress für das Wild. Was zu vermehrten Verbiss-Schäden führen kann.

 

Wir stimmen dem hessischen Landesjagdverband umfänglich zu, wenn dieser schreibt, dass mit der Vorverlegung der Jagdzeit auf Rehböcke, Schmalrehe, Rot-, Dam-, Sika- und Muffelschmalwild auf den April manifestiert wird, dass Tierschutz, Lebensraumgestaltung und Artenreichtum dort nur eine beliebige Floskel zu sein scheint. Auch für uns ist es vollkommen unverständlich, dass was für Feldhamster, Waschbär & Co. gilt, dem wiederkäuenden Schalenwild in Hessen nun völlig aberkannt wird. Hier muss man sich fragen, ob die Verhältnismäßigkeit gewahrt wurde und wie groß die negativen Folgen auf die heimische Tierwelt sein wird. Waschbären, die von der EU als invasive gebietsfremde Art eingestuft sind, erhalten eine Schonzeit, die die des Rehwildes bei weitem überschreitet. Das ist in keinem Fall weder wildbiologisch noch sachlich gerechtfertigt und zeugt von einer vollkommenen Verkennung biologischer Mechanismen.

 

Demgemäß schließen wir uns der Position des hessischen Landesjagdverbandes an ( https://ljv-hessen.de/gruenes-umweltministerium-zeigt-wieder-einmal-sein-wahres-gesicht/).

 

Zumal wissenschaftlich belegt wurde, dass das Rotwild in Hessen mittlerweile durch die immer größeren Einschränkungen im Lebensraum von Veränderungen aufgrund von Inzucht bedroht ist ( https://www.rothirsch.org/neue-studie-warnt-vor-inzucht-bei-hessischem-rotwild/; https://ljv-hessen.de/rotwild-in-hessen-in-gefahr/).

 

Statt Jagdzeiten auszudehnen bzw. vorzuverlegen und immer mehr und größere Drückjagden mit immer mehr Hunden durchzuführen und dadurch den Stress für das Wild zu erhöhen, sollten stattdessen (gerade auch vor dem Hintergrund einer wirtschaftlichen Rezession im Zuge der Coronakrise) die Landesforsten mit genug finanziellen Mitteln ausgestattet werden, um Mitarbeiter einzustellen, in den technischen Forstschutz zu investieren (Aufwuchsgatter, Zäune, Manschetten etc.), Wildruhezonen einzurichten und jagdfreie Ablenkfütterungen in Form von Wildäsungsflächen auf Freiflächen in den Wäldern anzulegen. Ebenfalls sollte dem Rotwild in Hessen mehr Platz zur Ausdehnung und zum besseren Umherziehen für den genetischen Austausch eingeräumt werden. Dies ist langfristig viel sinnvoller und erhöht im Falle der jagdfreien Wildäsungsflächen sogar die Artenvielfalt der hessischen Wälder, da sich dort Pflanzen, Insekten und Vögel ansiedeln, die andernorts verdrängt wurden. Dies alles in Kombination mit erfahrenen Jägern die vom ruhigen Einzelansitz aus und unter Berücksichtigung wildbiologischer Kenntnisse die Jagd durchführen, ist unserer Erfahrung nach viel sinnvoller, als eine unreflektierte und oftmals rein ökonomisch motivierte „Wald vor Wild“-Dogmatik ministeriell durchzudrücken.

 

Sehr geehrte Damen und Herren, Abgeordnete, wir bitten Sie daher eindringlich, die mittlerweile gültige Rechtsverordnung der hessischen Landesregierung kritisch zu hinterfragen und auf deren Rückabwicklung hinzuarbeiten. Zum Wohle der hessischen Wälder und der Wildtiere. Denn gesunde und artenreiche Wälder, kann es nur mit Wild geben.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Gregor Modos

1. Vorsitzender 

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